SV Grün-Weiß Wörlitz e.V.

Der VfB zieht die Reißleine

Presse Team, 25.06.2020

Der VfB zieht die Reißleine

FUSSBALL Marc Stockmann ist neuer Präsident in Gräfenhainichen. Amtsvorgängerin Cornelia Kuhnert fordert mehr Unterstützung für den Sport von der Lokalpolitik.

Der VfB zieht die Reißleine

Cornelia Kuhnert wird von Steve Schaller (li.) und dem Vizepräsidenten Martin Otto würdig verabschiedet. (Dietmar Bebber)

 

VON MICHAEL HÜBNER

GRÄFENHAINICHEN/MZ Marc Stockmann sorgt am Dienstagabend für eine gehörige Schrecksekunde: Bei der Wahl zum neuen Fußballpräsidenten in Gräfenhainichen reagiert der einzige und hoch gehandelte Kandidat überhaupt nicht. Erst auf Nachfrage klärt sich das Missverständnis auf: Er habe gedacht, er dürfe nicht selbst abstimmen. Und so ist schließlich die erwartete Traumquote von 100 Prozent in allerletzter Sekunde doch noch gerettet. Stockmann nimmt schließlich das Ehrenamt mit seinem Jawort auch an.

Rückkehr in die Landesklasse

Der neue VfB-Chef erklärt nach dem Votum, dass er „noch ein bisschen spielen“ werde. Und so besteht die Vereinsspitze mit dem Vizepräsidenten Martin Otto - und das ist auch nicht alltäglich - aus zwei Männern, die ihre Leistungen auch auf dem Rasen abrufen wollen. Aber eben nicht nur dort.

Dabei präsentiert sich Stockmann für die Zukunft gewappnet und optimistisch. Er wolle, dass die Männer künftig „im Landesmaßstab“ kicken. „Die harte Arbeit im Nachwuchs muss sich auszahlen“, fordert Stockmann, der für die kommende Saison „acht bis zehn Neuzugänge“ und das Integrieren der Jugend beim aktuellen Kreisoberligisten ankündigt. Der Verein habe ein gutes „wirtschaftliches Fundament“, so seine Einschätzung.

„Sonst hätte ich das auch nicht gemacht“, sagt der 34-jährige Unternehmer und Vater einer Tochter, der „acht bis zehn neue Sponsoren“ gewinnen will. Einen Partner für die Werbefläche auf der Anzeigetafel, die gerade gemacht werde, habe er auch schon gefunden. „Die Flutlichtanlage wird fertiggestellt ohne weitere Kosten für den Verein“, so Stockmann, der sich auch für einen „dritten Rasenplatz“ im Interesse der 208 Mitglieder - davon 110 Kinder und Jugendliche - engagieren will. Stockmann legt einen guten Start hin.

Seine Vorgängerin Cornelia Kuhnert, die nicht wieder kandidierte, präsentiert zuvor den wohl ungewöhnlichsten Rechenschaftsbericht in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte. „Versorgt euch mit Trinkbarem. Ich werde jetzt eine Stunde reden“, klingt ihre Ankündigung zunächst fast wie eine Drohung. Das Resümee der siebenjährigen Amtszeit garniert sie - „Männer sind beleidigt und schwatzhaft“ - mit launigen Sprüchen. Neben der üblichen positiven Bilanz - „Bei den Inklusionsturnieren sind wir Vorreiter in Sachsen-Anhalt“ - redet sie mit wohl überlegten Formulierungen aber Klartext. Dass die angestrebte Rückkehr in die Landesklasse bisher nicht gelungen sei, habe im ersten Jahr vor allem an den „heißen Jungs von Elster II“ gelegen. Der VfB wird mit einem winzigen Zähler Rückstand nur Vizemeister.

Kritik an Null-Bock-Spielern

Für den zweiten Anlauf - es geht um die aktuelle Saison - räumt die Chefin zwar Kaderprobleme ein, sagt aber auch: Es gebe Spieler, die haben „null Bock, sich zu quälen“. Ein „weiteres Handicap“ sieht sie in der „fehlenden Kommunikation“ zwischen erster und zweiter Mannschaft. Verantwortlich dafür seien die Trainer. Darüber hinaus habe der Kreisoberliga-Coach „die Jungs nicht mehr erreicht“. Die Probleme im Männerbereich seien nach ihrer Meinung hausgemacht. Und deshalb: „Die Reißleine musste gezogen werden“, erklärt Kuhnert und sagt: „Es ist Zeit zu gehen, und das nehme ich auch für mich in Anspruch.“

„Erpresserisches Vorgehen“

Für die Männer ist inzwischen ein hoch qualifizierter Übungsleiter mit Rene Mikolaizek aus Landsberg - „Mit dem habe ich schon vor Jahren verhandelt.“ - vorgestellt worden (die MZ berichtete).

„Die Nachwuchsarbeit ist herausragend. Aber eine A-Jugend bleibt eine Herausforderung“, sagt Kuhnert. Eine eigenständige Elf hab es zuletzt 2011 im Verein gegeben. In diesem Zusammenhang kritisiert sie „Nacht-und-Nebel-Aktionen“ bei Fusionen. Sie nennt namentlich einen Verantwortlichen beim Kreisfachverband und bescheinigt dem Mann „erpresserisches Vorgehen“. „Fusionen müssen langfristig und vernünftig vorbereitet werden“, empfiehlt die Expertin dringend.

Kuhnert redet sich „von der Seele, was mich bewegt“. Und da kommt die lokale Politik nicht gerade gut weg. Es geht um den immer wieder verweigerten Kunstrasenplatz oder die Verhandlungen zur Pacht. Teilerfolge konnten zwar errungen werden, aber aktuell müsse der Verein etwa 2.000 Euro jährlich an die Stadt zahlen. „Wir werben Geld für den Sport ein und nicht für den Stadthaushalt“, betont Kuhnert, „Geld ausgeben ist leicht, Geld einnehmen schwer.“

Die Kritik richtet sie zunächst an „unseren lieben Bürgermeister“. Dann räumt sie aber ein, dass Enrico Schilling (CDU), mit dem sie als FDP-Politikerin jahrelang in einer Fraktion saß, privat den VfB schon unterstütze. Deshalb erweitert sie ihre Schelte auf den Stadtrat und bietet einen Lösungsansatz an: „Sport und Kultur sollten für Kommunen Pflichtaufgaben sein.“

Ex erhält Standing Ovations

Kuhnert verabschiedet sich vom VfB mit einer finanziellen Rücklage „im höheren fünfstelligen Bereich“ und erhält für ihre Rede minutenlange Standing Ovations. Kuhnert, die seit 1985 in der Stadt liberale Positionen vertreten und in der Öffentlichkeit gestanden hat, verlässt damit endgültig Gräfenhainichen. Sie wohnt jetzt in Coswig und arbeitet in Zerbst.

Danach wird zügig gewählt. Dem neuen Vorstand gehören neben Stockmann und Otto noch Schatzmeister Mathias Dietrich an. In den erweiterten Vorstand werden gewählt Steve Schaller (Spielbetrieb Senioren und Frauen), Andreas Wolfensteller (Jugendwart), Michael Knecht (Sponsoring) und Andre Büttner (Organisation Spielbetrieb), Marc Mieseler (Mitgliederverwaltung) sowie Dietmar Bebber (Öffentlichkeitsarbeit).

Cornelia Kuhnert

Ex-Präsidentin

Land und Pflicht

Enrico Schilling (CDU) hält die Idee von Cornelia Kuhnert, den Sport als Pflichtaufgabe festzuschreiben, gar nicht für so abwegig. „Das kann das Land in ein Gesetz schreiben“, sagt der Gräfenhainichener Bürgermeister. „Aber auch wenn die Kommunen finanziell ordentlich ausgestattet werden, kommt kein Stadtrat auf die Idee, anteilige Betriebskosten zu verlangen“, so das Stadtoberhaupt. In Zeiten der Haushaltskonsolidierung sei aber kaum eine Alternative möglich. Im Übrigen, so Schilling, sei er froh, dass das Sportforum wieder Eigentum der Stadt sei. Das entlaste die Vereine.


Quelle:MZ